Ein Eldorado für die Bläser

Meilen: Kein Januarloch beim Fachmann für Holz und Blech

Nachdem die Schalmeien der Festtage verklungen sind, herrscht im Musikhaus Gurtner in Dollikon Hochbetrieb: Wer sich anstecken liess von der Musizierfreude der heiligen Zeit, schaut sich jetzt nach einem eigenen Blasinstrument um, andere gönnen ihrer Trompete oder Flöte eine Überholungspause.

Auf dem Tisch von Marcel Reuteler liegen die zahlreichen Einzelteile eines Englischhorns. Der Fachmann will sie heute noch sorgfältig zusammenfügen und damit die Revision des Instrumentes aus der Oboenfamilie abschliessen. Doch zuerst widmet er sich der Reglage eines Saxophons.

Seit 18 Jahren arbeitet er mit seinem ehemaligen Lehrmeister Christoph Gurtner zusammen. Dieser war schon als Kind fasziniert von den Klangfarben der Blasinstrumente. Instrumentenmacher wollte er werden, da gab es keinen Zweifel. Die Lehre bestand aus praktischem Handwerk und Musikunterricht am Konservatorium, und zwar im Trompeten- und im Querflötenspiel. “Blech und Holz, beides musste man kennen.” Gurtner erweiterte seine Fertigkeit in diesem seltenen Metier im Ausland, wobei er sich manchmal in Instrumentenfabriken oder Werkstätten richtiggehend aufdrängen musste, denn offizielle Lehrgänge gab es nicht.

Christoph Gurtner erklärtNach Arbeitsjahren im Dienste der Musik in Paris und Los Angeles leitete Christoph Gurtner während mehr als zwölf Jahren eine Instrumentenmacherschule im bernischen Zimmerwald. 1993 übernahm der Spezialist das Geschäft des Meilemers Hermann Schmid und zog in die Räume des früheren Dollikers Landis im Dörfli 25. Seither treffen sich in Obermeilen Blasmusiker aus dem In- und Ausland, denn wer Gurtner in Bern kannte, blieb ihm auch in Meilen treu. “Mit Berufsmusikern aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, England und Holland haben sich über die Jahre richtige Freundschaften entwickelt.” Auch die Schweizer Orchestermusiker pilgern nach Dollikon.Ist beispielsweise eine Flötistenstelle ausgeschrieben, kann es schon vorkommen, dass sich die Konkurrenten bei Gurtner begegnen. Sie alle möchten vor dem Probespiel ihr Instrument noch in Hochform gebracht haben.

Für Laien und Profis
In der Werkstatt wird viel Musik gehört, selbstverständlich sind alle Mitarbeiter aktive Musikanten. Bei unserem Besuch ist Lehrtochter Nicole Jrman gerade mit einer Oboe beschäftigt. Sie ersetzt den Kork einer Verbindung, während Rolf Aebersold mit Behutsamkeit ein Euphonium ausbeult. Wegen des Anblassystems und der Klappen werden der Kategorie Holz neben Blockflöte, Klarinette, Oboe und Fagott auch Querflöte und Saxophon zugerechnet, erklärt Gurtner. Das Blech umfasst Trompeten, Posaunen, Hörner sowie alle Saxhörner vom Flügelhorn bis zur Tuba. ) Wer ein Instrument kaufen will, soll eine gute Auswahl haben. Deshalb ist das Lager des Musikhauses gut bestückt. “Wir nehmen uns sehr viel Zeit für Kaufinteressenten und empfehlen häufig, zuerst ein Instrument zu mieten.” Für Kinder die passende Grösse zu finden, den Kunden unverbindlich testen zu lassen, welche Klangfarbe und welche Mechanik eines Instruments ihm am meisten zusagen, das sind willkommene Herausforderungen für das Team. Bläsergruppen von Musikvereinen, Laienmusiker und Musikschüler profitieren vom grossen Fachwissen und sind froh, dass sie ihr Instument auch nach dem Kauf für die nötigen Regulierungen oder Revisionen vorbeibringen können.

Wunderbare Klangwelt
Während eine Posaune im Reinigungsbad liegt, eine Tuba im Ofen trocknet und sich ein Kunde nach Mundstücken für sein Piccolo erkundigt, legt Gurtner die Instrumente bereit für den abendlichen Test in der Kirche: Musikerkollegen mit besonders feinem Gehör werden ihn beim Erproben von Klangfarben und Eigenschaften der einzelnen Exemplare unterstützen. Akustische Phänomene begeistern ihn nach all den Jahren immer noch. “Wie man einen Klang wahrnimmt, ist etwas sehr Persönliches und auch Geschmacksache.” Diese Leidenschaft für sein Fachgebiet schlägt überall durch, sei es beim Konzertbesuch in der Tonhalle, wo er unter den Bläsern viele bekannte Gesichter entdeckt, oder im Kontakt mit der Kundschaft im Laden. Im Musikhaus Gurtner sollen Laien und Profis genau das Blasinstrument finden, welches ihren Bedürfnissen entspricht, lautet sein Credo.

 

Zeitungsartikel in der Zürichsee Zeitung, verfasst von Frau Margret Becker